Gelesen: „Lügen im Netz“ von Ingrid Brodnig

Gelesen: „Lügen im Netz“ von Ingrid Brodnig

Lügen im Netz gibt es nicht erst seit gestern. Ich kann mich erinnern als junge Studentin Anfang der 2000er Jahre auf die damals verbreitete Geschichte der Bonsai Kitten, der Katzen, die angeblich in einem Glas verkauft wurden, reingefallen zu sein. Ich fand das furchtbar, dass man Katzen so misshandelt, hegte zwar Zweifel, aber irgendwie hielt ich es doch für möglich. Bis man mich aufklärte. Hm ja… irgendwie peinlich. Für mich war das ein einschneidendes Erlebnis – nie wieder würde ich Blödsinn aus dem Internet glauben.

Heute sind viele Leute skeptischer, was die Geschichten aus dem Internet betrifft. Auf der anderen Seite gibt es längst nicht mehr nur Lügengeschichten über in Glas eingesperrte Katzen, sondern vielmehr ist das ein hochkomplexes Thema, das vor allem politisch – nicht nur zu Wahlkampfzeiten – immer wichtiger wird. Gerade als PR-Mensch sollte man sich auch mit den dahinterliegenden Mechanismen beschäftigen, denn auch die etablierten Medien, mit denen wir ja arbeiten, haben mit neuer Konkurrenz, den „alternativen Medien“, zu kämpfen. Kurzum, das Thema interessiert mich brennend.

Da passt es gut, dass Ingrid Brodnig, Journalistin und seit heuer auch Österreichs „Digital Champion“ für die Europäische Kommission und Expertin für digitale Debattenkultur, vor wenigen Wochen ein Buch dazu veröffentlicht hat: „Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren“ (Brandstätter-Verlag) dreht sich um Betrug und Manipulation im Internet, gibt aber auch Hinweise, wie jeder einzelne von uns Manipulationsmechanismen durchschauen kann.

Ich wollte dieses Buch unbedingt für den Blog lesen und euch davon berichten – dankenswerter Weise wurde mir vom Brandstätter Verlag ein Rezensionsexemplar* zur Verfügung gestellt.

 

Worum geht es?

Lassen wir uns alle im Netz manipulieren? Warum laufen auch die Gebildeten und Informierten unter uns Gefahr, Falschmeldungen Glauben zu schenken und zu teilen? Warum sind gerade unseriöse, emotionalisierende Berichte oft so beeindruckend erfolgreich? Auf diese Fragen versucht Ingrid Brodnig in ihrem Buch Antworten zu finden.

Fake News, oder besser gesagt Lügengeschichten, sind ja an sich nichts Neues. Brodnig verweist in ihrem Buch auch auf historische Fälle, etwa das erfundene Werk „Protokolle der Weisen von Zion“, das die Nationalsozialisten als Ausrede für ihre Massenmorde nutzten. Gerade politisch motivierte Falschmeldungen, wie sie in letzter Zeit besonders häufig stattfinden, sind daher ernstzunehmen. Wir sollten aus der Geschichte lernen.

Aber was sind denn überhaupt „Fake News“?

Brodnig schreibt:

Der Begriff „Fake News“beschreibt fabrizierte Meldungen, die mit einer Täuschungsabsicht in die Welt gesetzt wurden: Entweder um Menschen politisch zu manipulieren, also ihre Meinung mittels erfundenen Behauptungen zu beeinflussen, oder aber, um ökonomisch von der Aufregung zu profitieren, die Falschmeldungen zu verursachen. […] Ich persönlich benutze „Fake News“ vor allem als Überbegriff für die Problematik, dass im Netz bewusst mit irreführender Information politischer oder ökonomischer Profit geschlagen wird.

Die Autorin weist aber auch darauf hin, dass der Begriff „Fake News“ vage ist und auch bereits missbraucht wird. Man denke nur an den US-Präsidenten Donald Trump, der sehr häufig über vermeintliche Fake News twittert und sogar Medien wie die New York Times, CNN oder ABC als „Feind des amerikanischen Volkes“ bezeichnet. Auch bekannte österreichische Politiker haben ihren Anhängern bereits empfohlen, „alternative Medien“ anstatt etablierte Medien zu konsumieren.

Letztendlich wird mit erfundenen Inhalten Politik gemacht. Falschmeldungen werden geschürt, um bestehende Bruchlinien in der Gesellschaft zu vertiefen und die Gesellschaft zu polarisieren. Die enorme Macht, die in Fälschungen liegt, ist, dass sie die Wut der Leute zum Hochkochen bringen kann. Brodnig nennt zahlreiche Beispiele aus der österreichischen und internationalen Politik.

Unjournalistische Websites, die als Gegenpol zu „Mainstream-Journalismus“ entstanden sind, weisen eine besonders einseitige, politisch motivierte Berichterstattung auf und sind damit ein Teil des Problems. Ein anderer ist die menschliche Psyche und nicht zuletzt spielen die Suchmaschine Google und soziale Netzwerke, hier wiederum vor allem Facebook, eine große Rolle. Aufgrund ihrer Algorithmen haben sie einen sehr großen Einfluss darauf, was Internetnutzer überhaupt zu Gesicht bekommen.

 

Der Algorithmus als Drama-Maschine

Algorithmen beeinflussen, was Menschen über die Welt erfahren. Daher stellt sich die Frage: Welchen Regeln unterliegt der Facebook-Algorithmus? Was empfindet Facebook als relevant für uns? Brodnig beklagt, dass wir letztendlich viel zu wenig darüber wissen. Auch die Wissenschaft kann die Frage nicht beantworten, denn die spärliche Forschung dazu zeichnet kein klares Bild. Bekannt ist aber, dass Interaktionen wie Likes, Shares und Kommentare ein wichtiges Signal für Facebook sind, Beiträge Usern in ihrem Feed auszuspielen. Das Problem dabei: Auch Emotionen werden vom Algorithmus belohnt. Beiträge, die Wirbel auslösen, ernten zahlreiche Interaktionen und werden darauf hin noch mehr Menschen angezeigt. Brodnig sagt und fragt vollkommen zu Recht:

 

Je wichtiger solche Plattformen wie Google und Facebook werden, desto mehr sollten sie sich erklären und transparent machen. […] Nach welchen Kriterien und nach welchen Unternehmenszielen sortiert ihr für uns Informationen?

Hier tappen wir also noch völlig im Dunklen. Die Mathematikerin Cathy O’Neil hat etwa die These entwickelt, dass unkontrollierte Algorithmen auch „Weapons of math destruction“ (Mathevernichtungswaffen) sein können. Eine Software muss dazu drei Regeln erfüllen: nach geheimen Regeln funktionieren, viele Menschen betreffen und destruktiv sein. Das Problem bei Facebook ist laut O’Neil die Ausrichtung auf Profit statt auf einen Austausch von Ideen. Nichts Genaues kann man aber überprüfen, weil Facebook keine Einblicke von außen in seine Software zulässt.

Brodnig plädiert hier für eine Qualitätskontrolle, eine unabhängige Aufsicht über Algorithmen. Denn immer mehr Entscheidungen für unser Leben, auch im Finanz- und Berufsleben, werden von Algorithmen gefällt und dennoch wissen wir nicht, wie der Algorithmus zu seinen Entscheidungen kommt.

 

In Echokammern gefangen

Ein spezieller Effekt der Digitalisierung ist es, dass gleichdenkende und gleichfühlende Menschen leichter zueinander finden können. Das an sich ist ja nichts Schlechtes, doch geht damit auch die Gefahr einher, dass sich Menschen in sogenannten „Echokammern“ zurückziehen, wo sie sich großteils mit Gleichdenkenden austauschen und im Endeffekt nur mit zu ihnen passenden Informationen umgeben. Die Stimme eines Skeptikers („Moment, stimmt das wirklich?“) kann etwa in Facebook-Gruppen wegfallen. Immerhin: Nach der US-Wahl hat Facebook in den USA einen Faktencheck eingeführt und blendet nun den Hinweis „disputed“ (umstritten) ein, wenn ein Bericht von zwei Faktencheck-Einrichtungen als Falschmeldung entlarvt worden ist.

Übrigens: Falschmeldungen haben das Zeug dazu, sich hartnäckig im Internet zu halten. Laut Brodnig gibt es dafür zwei Gründe: Zum einen erfahren viele Menschen nie, dass sie auf Fake News hereingefallen sind, zum anderen sind jene, die ohnehin viele Gerüchte aus einer bestimmten Ecke lesen, anfälliger dafür. Das Problem ist auch: Je öfter man in der eigenen digitalen Echokammer auf Gerüchte stößt, desto vertrauter wirken die Aussagen. Man braucht etwas also nur oft genug lesen, dann glauben viele es auch („Illusory truth effect“).

 

Faktenchecks dringend nötig

Fakten sind deshalb Fakten, weil sie unmissverständlich überprüfbar sind, ansonsten wären sie nicht belegbare Behauptungen. Der Begriff „Alternative Fakten“, den die Trump Beraterin Kellyanne Conway proklamiert hat, deutet darauf hin, dass Fakten reine Ansichtssache sind, was natürlich nicht stimmt. Eine mögliche Lösung, um die Debatte im Internet wieder sachlicher zu machen, sind Faktenchecks – wenn auch kein Allheilmittel laut Brodnig. Selbst der Hinweis auf Faktenchecks kann sich jedoch positiv auswirken: Politiker hielten sich nach dem Hinweis darauf mit Halbwahrheiten zurück.

Im deutschsprachigen Raum bieten bereits einige etablierte Medien Faktenchecks an und Brodnig prophezeit eine weitere Zunahme und Professionalisierung von Faktenchecks. Die am längsten dienende Faktencheckseite mimikama.at wurde übrigens 2011 vom Österreicher Tom Wannenmacher gegründet – allein die 670.000 Facebook-Fans der Seite zeigen das starke Bedürfnis der Leute, nicht getäuscht zu werden. Auf mimikama.at hab ich übrigens auch einen Beitrag zur Katze im Glas [FAKE] gefunden: Der Hoax dürfte auch heute noch auf Facebook sein Unwesen treiben. 

 

Was jeder dazu beitragen kann, dass die Situation besser wird:

Brodnig gibt in ihrem Buch Tipps, die jeder Einzelne von uns beherzigen kann, um gegen Falschmeldungen vorzugehen:

  • Selbst ein gutes Gespür für zweifelhafte Behauptungen (etwa  mit starker Emotionalisierung) entwickeln. Alles, was uns in Staunen oder Erschrecken versetzt, sollte daher genauer überprüft werden.
  • Geschickter kontern mit der Aufklärung über wahr und falsch. Wer etwa Falschmeldungen ausräumen will, sollte sie nicht verneinen, weil damit nur die falsche Information wiederholt wird und diese damit erneut in den Köpfen des Publikums präsent wird. Stattdessen sollte die richtige Information sichtbar gemacht und betont werden.
  • Mechanismen von Plattformen wie Facebook oder Google durchschauen und dieses Wissen einsetzen. So sollte man beispielsweise eine falsche Aussage nicht mit der Teilen-Funktion auf Facebook oder Twitter thematisieren, sondern einen Screenshot machen und auf der eigenen Seite erklären, was daran falsch ist.

 

Mein Fazit zu „Lügen im Netz“

Im Netz lässt sich leicht Stimmung mit Falschmeldungen oder manipulierten Bildern machen. Wer die Mechanismen durchschaut, ist schon im Vorteil. Um sich das nötige Wissen anzueignen, empfiehlt sich die Lektüre dieses Buches, da Brodnig nicht nur die Mechanismen erklärt, sondern auch zahlreiche Beispiele bringt und Studien zitiert. Das Buch lässt sich schnell lesen und ist auch für Leser ohne große Vorkenntnisse verständlich geschrieben. Ich persönlich hab mich mehr für die Techniken der Manipulation und auch für die wissenschaftlichen Studien dazu interessiert, und hab die zahlreichen Beispiele aus der Politik für diese Rezension zum Teil nur überflogen. Wer sich jedoch gerade für Fake News im politischen Bereich interessiert, wird hier fündig. Spätestens wenn es im Herbst mit dem Wahlkampf weitergeht, werde ich das Buch garantiert nochmals mit einem Fokus auf die politische Manipulation lesen.

 

*PR-Sample / Rezensionsexemplar: Mir wurde vom Brandstätter-Verlag auf meine Anfrage hin ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

 

 

Lügen im Netz von Ingrid Brodnig

BIBLIOGRAPHISCHE ANGABEN:

Lügen im Netz: Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren

Ingrid Brodnig

Brandstätter, Juni 2017

208 Seiten

ISBN: 978-3-7106-0160-6

Preis: EUR 19,90 (15,99 E-Book)

Mehr Infos zum Buch unter: Brandstätter-Verlag

 

 

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