Warum Brand Awareness weit mehr als “Sichtbarkeit” ist

In letzter Zeit gibt es einen Trend in der digitalen Welt, der mir bedenklich erscheint: Sogenannte “Sichtbarkeits-Coaches” wachsen wie Schwammerln aus dem Boden und versuchen ahnungslose Unternehmer davon zu erzeugen, dass man mit ihrer Methode an “Sichtbarkeit” gewinnen würde.

Als PR-Managerin arbeite ich mit meinen Kunden unter anderem an Brand Awareness, also der Bekanntheit einer Marke. Mit der angepriesenen “Sichtbarkeit” wollen jene Coaches auch öffentliche Bekanntheit erzeugen, rutschen daher ein bisschen in den Zuständigkeitsbereich der PR. Aber: Reine “Sichtbarkeit”, wie sie von den Coaches oft propagiert wird, hat nichts mit Brand Awareness zu tun, für die PR-Fachleute einstehen. Daher möchte ich in diesem Beitrag etwas zur Aufklärung beitragen.

 

Punkt 1: Es gibt nicht nur den EINEN Weg zur Brand Awareness

Die sogenannten “Sichtbarkeit-Coaches” propagieren immer EINEN Weg, um Sichtbarkeit zu erlangen, und zwar ihren eigenen. Das ist einmal SEO (Suchmaschinenoptimierung), ein anderes Mal vielleicht Facebook- oder Instagram-Marketing, Bloggen und Podcasten, Storytelling oder YouTube-Ads, ausschließliche Pressearbeit oder im Moment ganz populär: das Verschenken von Freebies und das Anbieten von Online Kursen.

Diese “Sichtbarkeit-Experten” meinen, mit ihrer “Methode” würden ihre Kunden endlich die erhoffte “Sichtbarkeit” erlangen. Vor allem Eigentümer von kleineren Unternehmen oder Einzelunternehmer fallen dann leider oft genug auf die selbsternannten Experten rein und sind glücklich, Geld für die Anleitung zur Nutzung der hochgepriesenen Methode zu zahlen.

Allein: Sichtbarkeit in einem Kanal reicht nicht! Es braucht ein umfassendes Konzept, das berücksichtigt, wofür man steht, wofür man bekannt sein möchte, welche Botschaft man teilen will, welche Ziele man durch Kommunikation erreichen möchte und wen man denn überhaupt ansprechen möchte. Darauf basierend kann man ein umfassendes Kommunikations-Konzept erstellen, das den Weg zu einer sinnvollen Kommunikation weist. Das muss dann nicht unbedingt jene eine Methode oder jener Kanal sein, von dem der selbsternannte Guru spricht. Vielleicht zeigt sich dann, dass ganz andere Kanäle und Taktiken in jenem speziellen Fall viel sinnvoller wären.

Daher finde ich es ethisch bedenklich, wie viele “Sichtbarkeit-Coaches” ihre Methode an Ahnungslose vermarkten. Vielmehr sollte es um einen individuell optimalen Mix an verschiedenen Kommunikationsmaßnahmen gehen, um echte Brand Awareness zu erlangen. Nicht umsonst stehen wir in der PR für eine gesamtheitliche, strategische Kommunikation, die alle möglichen Interessengruppen – nicht nur potentielle Kunden – anspricht und alle für die jeweilige Marke und das Kommunikationsziel sinnvolle Kanäle und Taktiken berücksichtigt.

 

Punkt 2: Reine “Sichtbarkeit” ist nicht Brand Awareness

Es gibt einen Grund, warum der englischsprachige Terminus “Brand Awareness” heißt und nicht nur “Awareness” analog zur “Sichtbarkeit”. Es geht nicht nur um simple Sichtbarkeit, sondern um die Sichtbarkeit einer Marke. Es geht um viel Tiefergreifendes als oberflächliches gesehen werden, sondern um das Verständnis für eine Marke, um Vertrauensbildung, um den Aufbau von Verbindungen zwischen einer Brand und ihren Kunden bzw. Klienten und der allgemeinen interessierten Öffentlichkeit.

Selbstverständlich braucht man dafür zunächst ein Bewusstsein über die eigene Marke, Klarheit über die eigenen Brand Fundamente. Ein PR-Stratege wird daher immer zuerst hier ansetzen und über das angepeilte Image einer Marke nachdenken, bevor er sich eine gute Strategie und geeignete Kommunikations-Maßnahmen überlegt, um das gewünschte Markenbild zu erzeugen. Das Bild einer Marke entsteht dann in den Köpfen der Menschen und wer nicht weiß, wie das aussehen soll, kann auch keine Strategie dafür entwickeln.

Reine Sichtbarkeit herstellen ist für mich wie das tolle neue Wohnzimmer-Interieur präsentieren zu wollen, ohne davor überhaupt das Haus ordentlich aufgebaut zu haben und zu wissen, ob die Wohnzimmer-Möbel überhaupt in das Haus passen. Mit anderen Worten: Zuerst Klarheit über die eigene Marke und die Markenfundamente (Markenkern, Werte, Vison, Mission, Botschaft, Positionierung usw.) herstellen, dann erst die Überlegung, wie man die Marke in die Köpfe der richtigen Leute bringt und wie sie dort erscheinen soll. Was sollen Menschen darüber denken, was fühlen, wie reagieren?

All das muss ich wissen, bevor ich mich an eine Kommunikations-Strategie mache. Eine Taktik alleine ist dafür zu wenig!

 

Das war mein kleiner Rant aus der PR-Fachsicht gegen die um sich greifenden “Sichtbarkeits-Coaches”. Ich kann das Wort “sichtbar” ehrlich gesagt schon gar nicht mehr hören. Erzähl mir doch gerne in den Kommentaren, wie du das siehst!

 

Brand Awareness

 

Foto: Unsplash.com 

 

 

 

 

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  • Liebe Sylvia, für mich als Neuling in der PR ein echt hilfreicher Text. Ich hatte aufgrund solcher “Coaches” oftmals das Gefühl, dass SEO die Strategie sein muss, um Bekanntheit zu erreichen. Aber natürlich ist es logisch, dass je nach Markenpositionierung andere Strategien in Frage kommen. Hilfreich und ermunternd 🙂 lG Özge

    • Liebe Özge,

      fein, das freut mich! Genau das wollte ich damit auch erreichen: aufzeigen, dass es unterschiedliche Strategien gibt und nicht nur die “eine”.

      Liebe Grüße
      Sylvia