Der 4-Jährige der seine Mutter mit dem iPhone rettete und wie die Story in die Medien kam

Was steckt hinter einer Chronik-Meldung über einen 4-Jährigen Briten, der seiner Mutter das Leben mit einem iPhone rettet? Steckt da gute PR von Apple dahinter? Schließlich könnte man ja schlicht und einfach auch von einem Smartphone mit Sprachsteuerungsprogramm und Fingerabdrucksensor sprechen. Eine gute Frage, die mir unlängst eine Freundin gestellt hat. Sie vermutet schon länger, dass oftmals hinter chronikalen Berichterstattungen PR-Spins stecken. Anhand dieses konkreten Beispiels habe ich mir angeschaut, welche Entstehungsgeschichte vermutlich hinter dieser Story steckt. Gehen wir also den umgekehrten Weg, von der veröffentlichten Meldung zurück zur Quelle.

 

Zunächst, worum geht es überhaupt?

Es handelt sich um folgende Geschichte vom 25.03. auf Focus.de:

 

London

Vierjähriger rettet per Fingerabdruck seiner Mutter das Leben

Mithilfe der Sprachsteuerung Siri konnte ein Vierjähriger in London den Notruf wählen, um seine bewusstlose Mutter zu retten

In London hat ein vierjähriger Junger (sic!) seiner Mutter auf heldenhafte Weise das Leben gerettet. Die Mutter war offenbar bewusstlos und nicht ansprechbar.
Dem Kleinen gelang es jedoch, ihren Daumen auf den Home-Button ihres iPhones zu pressen und es damit per Fingerabdruck freizuschalten. Dann wählte er mit der Sprachsteuerung Siri den britischen Notruf 999. […]
Die London Metropolitan Police veröffentlichte Notruf, um darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig es ist, bereits Kleinkindern beizubringen, den Notruf zu betätigen. Der Vorfall ereignete sich bereits Anfang März. Die Frau in der Notrufzentrale bittet Roman anschließend, seine Mutter ans Telefon zu holen. Darauf entgegnete Roman: „Das geht nicht, sie ist tot!“. […]
Bub rettete seiner Mutter das Leben
Trotz der angsterregenden Situation blieb Roman ruhig und rettete seiner Mutter so möglicherweise das Leben: Innerhalb von 13 Minuten trafen die Rettungskräfte im Süden Londons ein und konnten die Frau wiederbeleben.  […]
In einem Statement bat die Polizei im Zusammenhang mit dem Fall darum, Kinder auf derartige Situationen vorzubereiten: „Wenn Sie es heute einrichten können, dann würde ich alle Eltern inständig bitten, sich mit ihren Kindern hinzusetzen. Sie sollen ihren Kindern erklären, was sie in dieser Situation tun müssen und wie sie die Polizei oder andere Notrufdienste kontaktieren können“.

Original auf Focus.de: Vierjähriger rettet per Fingerabdruck seiner Mutter das Leben

 

Mögliche Quellen für die Story

Wenn ich mir die Geschichte so durchlese, gehen mir ad hoc folgende Gedanken und Vermutungen zur Entstehungsgeschichte durch den Kopf:

  • grundsätzlich: Storytelling at it’s best – da kann man was davon lernen!
  • Apple hat geschickt Produkt-PR für das iPhone über die Chronik-Schiene gemacht (der vermutete PR-Spin)
  • eine Aufklärungskampagne der Polizei Londons über den Umgang von Kindern in Notsituationen könnte aber theoretisch auch dahinterstecken
  • oder der Redakteur hat eine einfache Pressemitteilung der Polizei aufgegriffen und die Polizei um ein Statement gebeten
  • oder der Redakteur hat eine Aussendung einer Nachrichtenagentur (Reuters, DPA, APA etc.) aufgegriffen

Aber warum stehen jetzt das iPhone und sein Sprachsteuerungsprogramm Siri im Text? Tut’s nicht der Hinweis auf EIN Smartphone mit Sprachsteuerung und Fingerabdrucksensor auch? Musste der Redakteur wirklich ausdrücklich dazuschreiben, dass es sich um ein iPhone handelt? Geräte mit Sprachsteuerung und Fingerabdrucksensor sind heute keine Besonderheit mehr, nicht nur iPhones können das. Somit ist die Info, dass das Kind ein iPhone zur Lebensrettung seiner Mutter hatte, eigentlich irrelevant. Das verstärkt natürlich den Verdacht, dass da doch ein PR-Profi von Apple seine Finger im Spiel hatte.

 

Wer schreibt noch über das iPhone?

Jetzt interessiert mich natürlich, was schreiben die anderen (Online-)Medien denn so? Schreiben sie auch über das iPhone? Die Antwort ist “Ja”! Seht selbst:

 

Was mich aber ein bisschen skeptisch macht und eigentlich gegen einen Produkt-PR-Spin spricht, ist, dass keiner der Medien ein offizielles Apple-Foto benutzt. Es wird sehr oft ein Bild der DPA (Deutsche Presse Agentur) zur Bebilderung verwendet, also ein Stockphoto, das einen Bub mit einem iPhone zeigt.

 

Die Quelle: von Twitter zu Buzzfeed

Dann schau ich mir an, ob ich eine englischsprachige Originalberichterstattung finde und werde auch schnell bei Buzzfeed fündig (A 4-Year-Old Boy Saved His Mum’s Life Using Her Thumbprint To Unlock Her iPhone). Ein Aha-Effekt! Immerhin ist Buzzfeed für virale Geschichten nach einem gewissen Schema bekannt. (Das Buzzfeed-Prinzip zum Nachlesen auf zeit.de: Dieser Text wird Ihr Leben verändern.)

In dem Text finde ich auch einen Tweet des BBC Korrespondenten Daniel Sandford vom 22. März, in dem zwar nicht das iPhone, aber Siri erwähnt wird:

 

Dieser Tweet wurde offenbar viral, denn er wurde 385 Mal retweetet und 359 Mal geliked. Der Reporter hat seinem Tweet auch einen Telefonat-Mitschnitt des Gesprächs zwischen dem 4-Jährigen und einer Polizistin der Londoner Metropolitan Police angefügt.

 

Der Original-Tweet der Londoner Polizei sieht so aus:

Auch dieser Tweet der Polizei vom 22. März wurde wahnsinnig oft geteilt (427 Mal) und geliked (541 Mal). Insgesamt hat die Londoner Polizei kurz hintereinander drei Tweets zu dem Thema abgesetzt und in einem findet sich ein Link zur Pressemitteilung der Londoner Polizei. Übrigens: In den Polizei-Tweets ist nicht vom iPhone oder Siri die Rede. Zusätzlich hat die Londoner Polizei ebenfalls am 22. März den Notruf auch auf YouTube veröffentlicht, auf der Facebook-Präsenz finde ich jedoch keinen Eintrag.

 

Und so sieht die Original-Presseaussendung der Londoner Polizei vom 22. März aus:

 

Four-year-old’s 999 call saves mum’s life

Police have released a clip of a 999 call from a four-year-old boy who saved his mum’s life to remind parents the importance of teaching young children their address and how to use 999 in an emergency.

The young boy called 999 from his mum’s mobile phone on Tuesday, 7 March and was put through to a police call handler.

After the call handler asked him where his mummy was, the boy responded that he thought she was dead because “she’s closing her eyes and she’s not breathing”.

Remaining calm, the call handler managed to keep the boy talking and found out where he lived in Kenley, Croydon and local officers and an ambulance were immediately sent to the address. Because the boy was able to give the call handler the correct address, it saved police vital minutes in being able to send officers to the address straight away.

Thirteen minutes after receiving the call, officers arrived and managed to force entry inside the house […]

It later emerged that the boy used his mum’s smartphone to get in touch with police. He firstly managed to unlock it by pressing her thumb on the phone and then used the ‘Siri‘ function to ask for help and it dialled 999 to put him through to emergency services.
(Audio footage of the 999 call)

Chief Superintendent Ade Adelekan, from the Met’s Command and Control Unit (MetCC), where 999 calls are handled, said: “Hearing this call brings home the importance of teaching your young child their home address and how to call police or emergency services in an emergency situation.

“If you do nothing else today, then I’d implore any parents of young children to sit down with them and make sure they know what to do in this kind of situation and that they know how to contact police or other emergency services in an emergency. As this case demonstrates so poignantly, it could really be the difference between life and death.

“It’s an amazing story and thanks to his quick thinking and by asking ‘Siri‘ for help, this little boy saved his mum’s life and it means she is still here and can be extremely proud of him and his brothers.”

[…]

Original-Presseaussendung der Londoner Polizei: Four-year-old’s 999 call saves mum’s life

 

Ihr seht: Die iPhone-Spracherkennung Siri kommt zwar im Text vor, aber erst in der Mitte, also eher “unter ferner liefen”. Aufhänger des Textes ist, wie wichtig es ist, kleine Kinder auf Notfälle vorzubereiten, etwa indem sie ihre eigene Adresse kennen und einen 999-Call absetzen können um Hilfe zu holen. Diese Presseinformation der Londoner Polizei ist für mich glaubwürdig und seriös. Einzig dass das Ereignis bereits zwei Wochen davor, am 7. März, stattgefunden hat, gibt kurz Grund zum Nachdenken. Aber es gibt auch dafür sicher eine glaubwürdige Erklärung.

 

Die Auflösung

Die Auflösung mag somit vielleicht den einen oder anderen überraschen: Eine schlichte Presseaussendung der Londoner Polizei mit den kurz danach abgesetzten Tweets auf Twitter und dem YouTube-Beitrag scheint die Quelle dieser Focus-Geschichte (und der gesamten Berichterstattung) zu sein. Eine Nachrichtenagentur dürfte nicht dazwischen stecken.

Unterm Strich: Einfach eine gute Story! Ein kleiner Bub, der den Daumen der bewusstlosen Mutter auf ihr Handy drückt und damit ihr Leben rettet. Das kann schon was.

Dennoch bin ich der Meinung, dass man das iPhone in dieser Geschichte auch weglassen hätte können. Am Inhalt und der Verständlichkeit der Geschichte hätte sich dadurch nichts verändert. Die Erklärung muss einfach mit der Marke Apple zusammenhängen, immerhin die wertvollste Marke der Welt. Wenn es sich um ein anderes No Name-Telefon gehandelt hätte, dann wäre das vermutlich nicht erwähnt worden.

Es wäre toll gewesen, wenn ich hier wirklich eine Apple-Produkt-PR-Story hätte erzählen können. Aber ich denke es ist durchaus auch sehr interessant, wie diese Geschichte entstanden ist. Nämlich trotzdem von PR-Leuten, aber eben von der Polizei und nicht von Apple. Viral wurde diese Geschichte, weil sie gut ist, und daher oft geteilt wurde und schlussendlich auch ihren Weg in die Medien fand. Apple kann sich hier ins Fäustchen lachen, weil zufällig ein iPhone mit von der Partie war. Gratis PR quasi. Ob Apple diese Geschichte PR-technisch verstärkt hat, konnte ich leider nicht feststellen. Zumindest im Pressecorner von Apple ist keine entsprechende Pressemitteilung zu finden. Es kann natürlich trotzdem möglich sein, dass PR-Leute von Apple auch ihre Hand im Spiel gehabt haben, etwa indem sie Kernjournalisten persönlich auf das Thema aufmerksam gemacht haben. Aber das lässt sich schwer nachrecherchieren. Apple könnte jetzt aber hergehen und dieses Thema im Sinne des Agenda Settings aufgreifen und beispielsweise die Notruf-Features des iPhones verstärkt kommunizieren.

 

Und warum ist die Story so gut?

Hier kann uns das Konzept der sogenannten Nachrichtenwertfaktoren weiterhelfen. Diese Theorie erklärt, welche Kriterien dazu beitragen, dass  Journalisten eine Geschichte für ihr Medium aufgreifen. (Ich will jetzt aber gar nicht weiter in die Theorie hineingehen.) In diesem Fall spielen sicher folgende Punkte eine Rolle: menschliches Interesse (Leben oder Tod der Mutter), Kuriosität (4-Jähriger rettet Mutter, noch dazu mit ihrem Daumen am Smartphone), Relevanz (das kann so ähnlich uns alle betreffen) und die Bekanntheit bzw. “Prominenz” der Marke iPhone. 

Also hat das iPhone aufgrund seiner Markenbekanntheit wohl schlussendlich doch seine Daseinsberechtigung in dieser Story. Interessant ist jedenfalls, dass es von einer Randnotiz in der ursprünglichen Pressemitteilung der Polizei bis in die Schlagzeilen der Medienberichte geschafft hat.

 

Foto: Unsplash.com 

Der 4-Jährige der seine Mutter mit dem iPhone rettete und wie die Story in die Medien kam

 

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