Earls und Ladies – Von ungebetenen Gästen auf Presseveranstaltungen

Ich weiß ja nicht, wie das anderswo ist, aber in Wien gehören sie einfach zu Presseveranstaltungen dazu: Die Earls und Ladys of Sandwich. Manche sagen auch liebevoll Mitesser zu ihnen. Nein, das sind weder Adelige, noch Hautunreinheiten, sondern das sind meist ältere Herrschaften, die sich darauf spezialisiert haben, Pressekonferenzen zu crashen. In meinem PR-Leben bin ich schon auf zahlreiche von ihnen gestoßen. Die Freude war nicht meinerseits. 

 

Earls of Sandwich sind zumeist Pensionisten, die sich als Journalisten ausgeben, um bei Pressekonferenzen kostenlos zu konsumieren. Charakteristisch ist ein selbstbewusster, oft dreister Auftritt und eine nicht nachweisbare journalistische Profession. Sie sind gut vernetzt und über aktuelle Pressetermine bestens informiert.

 

Earls of Sandwich verschaffen sich zutritt zur Pressekonferenz

Und meistens geht das so: Die Pressekonferenz steht kurz bevor, man checkt nochmals die Anmeldeliste und findet nichts Auffälliges darin. Vertreter etablierter Medien werden kommen, Journalisten von Tageszeitungen und Fachmagazinen, Online-Redakteure und TV-Reporter, neue Gesichter und alte Hasen. Man baut seinen Registraturtisch auf, wo sich alle Medienvertreter in eine Anwesenheitsliste eintragen müssen und eine Pressemappe mit Schreibmaterial erhalten. Und dann können die Journalisten meinetwegen eintrudeln.

Als erstes kommen zwei ältere Herren. Ich hab sie noch nie gesehen und finde sie auch nicht in meiner Anmeldeliste. Das ist ja noch kein Problem, und die Herren sind immerhin Profis, sie tragen sich wie bei Presseveranstaltungen üblich in die Anwesenheitsliste ein, mit Namen, Medium und E-Mail-Adresse. Nachdem ich nichts entziffern kann frage ich die beiden Herrschaften, für welches Medium sie schreiben. Noch ist kein anderer Journalist da, also hab ich Zeit für solche Fragen. Es wird irgendwas genuschelt, von einer internationalen Presseagentur, oder ganz generisch von einem Online Medium – ja, die Earls gehen mit der Zeit. Ich kann mich auch an eine Dame erinnern, die für ein sehr “interessantes Magazin” geschrieben haben will – die Insider unter euch werden wissen, wovon ich spreche. Ich lass es dann darauf ankommen und sage direkt, dass ich das Medium nicht kenne, aber sehr interessiert daran sei und den Vertreter in meinen Journalistenverteiler aufnehmen wolle. Dazu bitte ich um die Visitenkarte.

 

Sie arbeiten für Medien, die gar nicht existieren

Was dann passiert ist nicht immer lustig: Entweder wird mir vor der Nase aggressiv mit einem Presseausweis gewedelt und mitgeteilt, dass man seine Visitenkarte vergessen habe und mir die Daten zukommen lasse. Was freilich nie passiert. By the way: Presseausweise sind gar nicht so schwierig zu bekommen. Oder, und das finde ich noch frecher, es wird aus der Hosentasche ein Paket von verschiedensten Visitenkarten geholt, in Ruhe vor meinen Augen gustiert, welche man denn der PR-Tante geben soll, bis man mir eine Karte nach Wahl in die Hand drückt. Selbstverständlich spuckt weder Google das Medium aus, noch ist es in österreichischen Journalistendatenbanken (wie Journalistenindex, Pressehandbuch oder APA-OTS Journalistendaten) verzeichnet. Nur die Dame von dem sehr interessanten Magazin hat es einmal geschafft, aufgelistet zu werden. Da frag ich mich, für wie blöd man gehalten wird: Welcher Journalist soll denn für ein Medium schreiben, das keine Plattform hat, weder Online noch Offline?

Schafft es der Earl oder die Lady dann in den Pressekonferenzraum, ist der Gang zum Buffet der erste Schritt. Dafür sind sie ja schließlich frühzeitig gekommen, nicht? Sie greifen beherzt zu und sind auch während der Veranstaltung unentwegt am Essen. Ein echter Journalist hingegen schreibt oder schneidet mit, stellt Fragen und trinkt seinen Kaffee eher nebenbei Die Earls suchen auch nach der Veranstaltung nochmals das Buffet auf und bedienen sich reichlich am Gabentisch, sofern es einen gibt. Da müssen die Echten schon längst wieder weiter ziehen, in die Redaktion, arbeiten.

 

Warum es problematisch ist, die Earls hineinzulassen

Earls of Sandwich sind ein Problem. Nicht weil sie so viel schlemmen und konsumieren, sondern weil sie mit ihrem oft geclusterten Auftreten das Niveau der ganzen Presseveranstaltung herabsenken können. Da ist auf der einen Seite der eigene Anspruch an eine professionelle Veranstaltung und auch die Auftraggeber (Kunden bei einer Agentur oder die Chefetage des Unternehmens) erwarten sich das. Auch die echten Redakteure wollen zu einer gut aufbereiteten Presseveranstaltung gehen. Und dann sind da mitten unter ihnen diese Personen, die einzig zum Schnorren gekommen sind. Wenn im Schnitt zwischen zehn und zwanzig Journalisten zu einer Pressekonferenz kommen und davon drei bis vier Mitesser, fällt das negativ auf und schaut nicht nach einer professionell organisierten Veranstaltung aus. Manch ein seriöser Journalist wird sich dabei auch unbehaglich fühlen.

Es gibt unterschiedlich strenge Sichtweisen zu den Earls of Sandwich. Ich habe einmal in einer PR-Agentur gearbeitet, die die strikte Vorgabe hatte, keinen Mitesser hineinzulassen. Da wurde mit einer “geschlossenen Veranstaltung nur für akkreditierte Pressevertreter” argumentiert. Im Grunde finde ich das gut, denn es hat einen abschreckenden Effekt. Aber die Earls und Ladys versuchen es meist trotzdem immer wieder. Andere PR-Agenturen handhaben das eher lockerer und schicken nicht jeden auffälligen Pensionisten gleich weg. Zumindest aber sollte man sich die Daten geben lassen, Visitenkarte und Belegexemplar anfordern. Natürlich wird da nichts Brauchbares dabei herauskommen, aber man zeigt dass man sich nicht leichtfertig veralbern lässt.

 

Earls of Sandwich dürfen keine Lückenfüller sein

Für eine ganz schlechte Idee halte ich es, die Earls und Ladys ungefragt zur Veranstaltung zuzulassen, um den Raum aufzufüllen. Jeder, der in der PR arbeitet, kennt den Druck, mit einer PR-Maßnahme auch Resultate zu liefern. Bei einer Pressekonferenz sollte es das Ziel sein, Medienberichte zu generieren – in echten Medien versteht sich. Wieviele Gäste die Veranstaltung selbst hat, sollte dabei wirklich kein Gradmesser sein. Nicht wenige PR-Leute lassen aber aufgrund des Erfolgsdrucks auch Mitesser zu. Der Raum wirkt voller, die Fotos von der Veranstaltung machen mehr her. Aber das ist nur der Anschein einer erfolgreichen Veranstaltung, der da erweckt wird. Wirklich erfolgreich kann eine Presseveranstaltung auch sein, wenn wenige, aber dafür wirklich zum Thema passende Medien darüber berichten. Dazu müssen die Medienvertreter nicht mal vor Ort sein: Der eine oder andere kümmert sich inspiriert vom Thema selbst um Interviews mit den Vortragenden oder recherchiert eigenständig nach. Qualität vor Quantität! 

Angeblich war das Problem in früheren Zeiten noch stärker ausgeprägt, als Pressekonferenzen noch als “Fressekonferenzen” tituliert wurden. Wie es mit den Earls und Ladys weitergeht, wenn in Zukunft immer mehr Pressekonferenzen (zusätzlich) als Live-Stream im Web übertragen werden?

 

Mich würde interessieren, wie ihr mit den Earls und Ladys umgeht. Streng oder großzügig? Hinterlasst mir gerne einen Kommentar!

 

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Foto: Pixabay.com

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  • Ich habe den Eindruck, dass sich das Essensangebot bei PKs in den letzten Jahren sowieso eingeschränkt hat. Um das Jahr 2000 waren bei jeder PK noch Sandwiches, Croissants u. Ä. fast Pflicht. Das hat sich aufgehört. Mittlerweile gibt’s meistens nur Getränke. Das wird wohl auch die Earls und Ladies zurückgedrängt haben.

    Wobei es auch eine Form der Earls/Ladies gibt, die zwar nicht aus ausschließlichem Interesse am Buffet kommen, aber (offiziell) für derart obskure bzw. selten erscheinende Medien (z. B. Monatszeitschriften) schreiben, dass man sich fragt, wie sie die Inhalte einer PK überhaupt verwerten können. Da habe ich eher den Eindruck, dass man eher seine “Kontakte pflegen” bzw. sich selbst in Szene setzen will. Wobei das jetzt nicht schlecht ist, aber der Effekt ist manchmal der gleiche wie der oben beschriebene.

  • Ja, es stimmt, früher waren sicher noch mehr Earls und Ladies unterwegs.

    Und sicher gibt es auch jene, die ganz andere Absichten, oftmals auch ganz persönliche Interessen haben. Ich kann mich an eine Dame erinnern, die unbedingt ein Diagnoseverfahren für eine Augenerkrankung ausprobieren wollte, das den Journalisten angeboten wurde. Es handelte sich um eine Untersuchung, die nicht von den Krankenkassen übernommen wurde und in der Einladung zur Pressekonferenz stand damals explizit, dass sich die Journalisten auch testen lassen können. Es ist immer wieder Fingerspitzengefühl gefragt, wie man damit umgeht…