Bei Journalisten nachspioniert – Heute im Interview: Hanna Herbst, VICE

Als stellvertretende Chefredakteurin von VICE Austria und Co-Chefredakteurin des Menschenrechtsmagazins liga ist Hanna Herbst „eine der interessantesten jungen Journalistinnen“ Österreichs (Florian Klenk, Falter). Die 26-Jährige ist auch eine der am häufigsten nominierten Jungtalente der „Die besten 30 unter 30“-Liste von „Der Österreichische Journalist“. Zuletzt war sie für ihre Geschichte “Wer zur Hölle ist Tanja Playner” für die Story des Jahres 2016 bei den Österreichischen Journalistentagen nominiert. Hanna Herbst setzt sich für Gesellschaftspolitisches und Menschenrechtsthemen ein und traut sich, auch unbequeme Fragen zu stellen. Ich freue mich ganz besonders, dass Hanna Herbst Zeit für unser Interview gefunden hat.

Interview Hanna Herbst
Hanna Herbst, VICE

Frau Herbst, meiner Recherchen nach wurden Sie auf der FH für Journalismus abgelehnt. Heute sind Sie sehr erfolgreiche Journalistin und gelten als Zukunftshoffnung. Wie hat alles angefangen, wie sind Sie Journalistin geworden?

Ich hatte den Wunsch, Journalistin zu werden, für einige Jahre verworfen, weil ich damals dachte, es wäre zu schwierig, ich würde keine Arbeit finden, und so weiter. Eben die Dinge, die man immer wieder hört. Als ich dann auf der FH abgelehnt wurde, habe ich mich für ein Praktikum bei VICE beworben. Zwei Wochen später habe ich angefangen und dreieinhalb Jahre später beantworte ich jetzt diese Fragen (und bin ganz froh, damals abgelehnt worden zu sein).

 

Was treibt Sie als Journalistin an? Welchen Anspruch haben Sie an Ihre Arbeit?

Ich möchte Menschen Dinge zeigen und erzählen, über die sie vielleicht noch nicht oft nachgedacht haben. Ich möchte ihnen die Menschen näher bringen, mit denen sie sonst wenig zu tun haben. Und ich möchte mich für gleiche Rechte für alle einsetzen.

 

Wofür steht VICE und was macht die Arbeit dort für Journalisten so speziell?

Wir sind beim Leser – wir sind der Leser. Wir sitzen nicht im Elfenbeinturm und versuchen von dort, Menschen näher an ein Thema zu bringen. Das interessiert junge Menschen nicht. Wir gehen selbst ins Geschehen und sind auch für die Dinge offen, von denen wir anfangs keine Ahnung haben – und werden so oft sehr sehr gut in einem Gebiet. Wir sind authentisch, weil wir ehrlich sind.
Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Redaktionssitzung, E-Mails, E-Mails, schreiben, Twitter, Bewerber, redigieren, schreiben.

 

Wie recherchieren Sie, oder anders gefragt: Haben auch PR-Leute eine Chance an Sie ranzukommen?

Ich suche auf eigene Faust. Mit PR-Leuten habe ich nichts zu tun. Man kann es natürlich versuchen, es kann ja trotzdem interessant sein, aber bisher hab ich durch PR-Leute noch keine Geschichte gefunden.

 

In einem Interview mit dem Observer-Blog 2015 wurden Sie gefragt, ob Sie sich an einen Fall erinnern können, wo Sie sich ganz besonders über eine PR-Agentur oder PR-Stelle geärgert haben. Sie haben damals mit „Nein“ geantwortet. Wenn ich mir Ihren Bericht “Herr Sobotka, sind Sie Feminist?“ durchlese, wonach Sie einen Monat lang keine Auskunft der Pressestelle unseres Innenministers auf Ihre Frage bekommen haben, dann dürfte das jetzt aber anders aussehen. Wie hat sich das denn zugetragen?

Das stimmt. Das ärgert mich immer noch. Die Antwort habe ich bis heute nicht bekommen. Ich hatte den Artikel für den 8. März, den Weltfrauentag, angelegt. Dass ich vom Innenminister keine Antwort bekommen habe, hat mich dann ein bisschen geärgert, weil ich überzeugt war, dass er einfach auf den 9. März wartet und dann eben nicht mehr antworten muss. Das wollte ich nicht akzeptieren, also hab ich einen Monat lang nachgefragt. Es war für alle Beteiligten kein Spaß und eine Antwort hab ich auch nicht.

 

Ich hoffe, Sie haben auch bessere Erfahrungen mit PR-Leuten gemacht. Was wäre denn gute, brauchbare PR-Arbeit für Sie?

Wie gesagt, ich hab mit PR-Leuten eigentlich nichts zu tun. Aber manchmal ergeben sich spannende Gespräche. Treffen mit Mitarbeitern der Öffentlichkeitsarbeit von Frauenhäusern oder Suchtkliniken zum Beispiel. So etwas ist bereichernd und inspiriert machmal zu Geschichten. Der Großteil der PR-Mails, die ich bekomme, sind aber völlig irrelevant für mich.

 

Vergangenes Jahr waren Sie neben Corinna Milborn, Ingrid Thurnher und Barbara Kaufmann eine von vier österreichischen Journalistinnen, die unter dem Titel „Uns reicht’s“ in einer Falter-Geschichte aufzeigten, mit welchem Hass sie es im Internet zu tun haben. Da war die Rede von Hassbotschaften, Drohungen und sexualisierter Gewalt gegenüber Journalistinnen, die sich trauen, öffentlich ihre Meinung zu sagen. Was hat sich nach dem Artikel getan? Hat sich etwas geändert?

Das Frauenministerium war gleich Feuer und Flamme, auch der Bundeskanzler hat den Artikel erwähnt und sich klar gegen Hass im Netz ausgesprochen. Klar. Passiert ist aber nicht sehr viel. Staatssekretärin Muna Duzdar ist sehr engagiert, was das Thema angeht. Das Bundeskanzleramt hat auch 10 Tipps gegen Hass im Netz herausgegeben. Wirklich hilfreich ist der für Opfer von Hass im Netz aber nicht, finde ich.  Es braucht konkrete Hilfestellung und Schritt für Schritt-Anleitungen für Betroffene.

 

Es gibt also noch viel zu tun. Herzlichen Dank für das Interview!

 

Weitere Infos unter:

 

Foto: Hanna Herbst (Copyright: Elevate Festival)

 

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