Bei Journalisten nachspioniert – Heute im Interview: Martina Parker, WIENERIN

Für mich gehört schon seit vielen Jahren die monatliche Lektüre der Frauen- und Lifestylezeitschrift WIENERIN einfach dazu. Ein besonderes Highlight ist dabei immer die Kolumne von Beauty-Redakteurin Martina Parker, die lustige und kluge Einblicke in ihr Redakteursleben bietet. Das passt gut auf meinen Blog, also hab ich Martina um ein Interview gebeten und sie war auch gleich bereit, meine Fragen zu beantworten. Lest hier unser Blog-Interview aus der Reihe “Bei Journalisten nachspioniert”.

Martina Parker, Wienerin

Martina, du bist Beauty-Redakteurin und Kolumnistin bei der WIENERIN und schreibst außerdem den Parfum-Blog der Wienerin. Klingt nach einem Traumjob, denn aus deinen Texten geht hervor, dass du auf begehrte Produkt-Präsentationen gehst und an internationalen Pressereisen teilnimmst. Wie kann man sich deinen Arbeitsalltag als Beauty-Journalistin vorstellen?

Ich wähle Themen aus, recherchiere, führe Interviews, organisiere Fotoshootings, schreibe und redigiere Artikel, nehme an Redaktionsmeetings teil, treffe mich mit PR-Leuten und besuche Pressekonferenzen und Produktpräsentationen im In- und Ausland. Wichtigstes Auswahlkriterium dabei ist, ob sich dadurch eine gute Geschichte ergibt. Wird bei einer Präsentation nur die Pressemappe vorgetragen, können sich alles Beteiligten die Zeit sparen.

 

Was ist das Besondere am Beauty-Journalismus und warum hast du dich für diesen Bereich entschieden?

Ich komme aus dem Wirtschaftsjournalismus und habe vor meiner Zeit bei der WIENERIN eine Fachzeitung für die Kosmetikindustrie geleitet. Dadurch habe ich vermutlich einen anderen Zugang zu dem Thema, als eine klassische Beautyredakteurin, die diesen Job wählt, weil sie sich für Beautyprodukte und die Welt der Schönheit begeistert. Wenn mir ein Kosmetikwissenschaftler beichtet, dass er eine Creme aus Einsparungsgründen billiger formulieren muss, ohne, dass die Kunden das mitkriegen dürfen, finde ich das spannender, als die Frage, wie ein Victoria Secret Model seine Wimperntusche aufträgt.

 

Wie kommst du an deine Geschichten, wie recherchierst du?

Ich verfolge medizinische und wissenschaftliche Berichte, Podcasts, TED-Talks und Fachmedien im englischsprachigen Raum. Auch Zukunftsforschung und Trendanalysen sind für unser Beautyressort wichtige Themen. Große persönliche Star-Interviews werden uns zumeist von PR-Agenturen oder PR-Abteilungen angeboten, die ihre Testimonials so in den Medien platzieren wollen.

 

Was sollten PR-Leute beachten, wenn sie dir eine Geschichte schmackhaft machen wollen.

…ob die Story auch zu uns und unseren LeserInnen passt. Das Problem ergibt sich häufig bei unerfahrenen PR-Leuten, die den Druck ihrer Chefs oder Kunden, eine Story platzieren zu müssen, ungefiltert an uns weiter geben. Ich kann mich erinnern, dass uns mal ein wirklich schlechtes vorgefertigtes Interview angeboten wurde. Es war total werblich und wir lehnten dankend ab. Die Reaktion der PR-Frau: Aber das MUSS ins Heft! Nein, muss es nicht.

 

Aus deiner Kolumne kann man herauslesen, dass du (viel) mit PR-Leuten zu tun hast. Was bedeutet für dich gute Pressearbeit und was weniger gute?

Ein professioneller PR-Berater kennt das Medium, seine Ausrichtung und die Formate in den jeweiligen Ressorts und weiß dadurch, welche Stories passen könnten und welche nicht. Ich freue mich auch immer, wenn der PR-Berater sich in den Journalisten hineindenkt und z.B. bei einem Fachthema einen Wissenschaftler oder Experten aus seiner Firma empfiehlt oder mir eine Studie anbietet, den/die ich bis jetzt noch gar nicht auf dem Radar hatte. Insofern ist es hilfreich sich zweimal im Jahr zusammen zu setzen und sich auszutauschen, weil in diesen Gesprächen oft spannende Geschichten entstehen.
Schlechte Pressearbeit. siehe unten…

 

Teilst du ein, zwei kuriose Erfahrungen mit uns?

Ein sehr bekanntes deutsches Model, das für Haarprodukte warb, verlangte, dass ich vor dem Interview einen Vertrag unterschreibe, mit dem ich mich verpflichte, ihr Unsummen zu zahlen, sollte sie durch meine Berichterstattung, einen ihrer Werbeverträge verlieren. Die internationale PR-Abteilung übte deswegen ziemlichen Druck auf mich aus, aber ich unterschrieb nicht. Das Model bemerkte dies jedoch erst nach dem Interview, rannte mir nach und kreischte dabei immer nur erfolglos: „Die muss das unterschreiben!“
Vieles von dem was ich erlebe, fließt in meine Kolumnen ein.

PS: Ich schreibe im Fachmagazin „Hautnah“ die Kolumne Belinda Blog, in der ich eine Beauty PR Frau bin und nehme dabei die Journalisten und die Branche auch ganz schön auf die Schaufel…

 

Was sind für dich die No-Gos der Pressearbeit und im Umgang von PR-Leuten mit Redakteuren?

  • Eine Pressemappe schicken und drei Tage später anrufen, ob man diese bekommen hätte und wann man vorhätte, darüber zu berichten.
  • Bei der Anzeigenabteilung anrufen und zu versuchen Druck auf die Redaktion auszuüben und so eine Berichterstattung zu erwirken.
  • Der Versuch, die Inhalte zu kontrollieren: Fragen vorab zensieren, Antworten nachträglich streichen oder umschreiben …
  • Das unlautere Angebot Seitendeals zu machen: Sie dürfen in einem Gruppeninterview mit Star XY teilnehmen, drei Fragen stellen und dafür hätten wir gerne drei Seiten Output.
  • PR-Leute, die über Kollegen und Mitbewerber oder gar den Kunden, den sie repräsentieren, lästern, oder sich über diesen beschweren. Schlimm ist auch die Mitleidsmasche: Bitte bring was über meinen Kunden, sonst krieg ich Probleme/verliere den Etat.

 

Heute gibt’s ja unzählige Beauty-Blogger. Sind Blogger deiner Sicht nach eher Konkurrenz oder Ergänzung zu den Beauty-Redaktionen? Welche Relevanz hat die Diskussion „Blogs vs. Magazine“ für dich?

Weder noch. Die Welt der Beautyblogs ist eine ganz eigene, die man auch nicht mit klassischen Content-Blogs, wie z.B. deinem vergleichen kann. Die typische Beautybloggerin verkauft in erster Linie die eigene Haut, stilisiert sich zum It-Girl oder Influencer. Das macht sie für Kosmetikmarken zu einer begehrten Markenbotschafterin, birgt aber über kurz oder lang immer die Gefahr der mangelnden Glaubwürdigkeit und dadurch den Verlust von Followern und Authentizität.

Authentizität und Achtsamkeit sind aber derzeit starker Trend zum digitalen Dauerfeuer. Immer mehr Menschen wünschen sich eine bessere Digital/Real Life Balance, wollen nicht mehr andauernd aufs Smartphone starren, sondern überlegen bewusster, wem oder was sie ihre Aufmerksamkeit schenken.

Diese Entwicklung trennt gerade digital die Streu vom Weizen und bietet im Übrigen auch eine Riesenchance für Print. Sofern dieser gut gemachte Inhalte bringt, die sich deutlich von den digitalen unterscheiden, anstatt diese zeitverzögert zu kopieren.

Ich bespiele bei der WIENERIN beide Kanäle – print und digital. Beide haben ihren Reiz und bieten ganz unterschiedliche Möglichkeiten. Digital können wir schnell auf reale Ereignisse reagieren, mehrmals täglich informieren und unterhalten, Mikrotrends zeigen und sind über Social Media rasch und nah und bei unseren Lesern.

Im Print setze ich stark auf die Kernkompetenzen im Journalismus: Reportagen, große Interviews, Features – umfassend recherchierte Stories mit Tiefgang über die man noch Tage später nachdenkt und diskutiert.

 

Ob Print oder Digital, auf die Qualität des Journalismus kommt es an. In diesem Sinne freue ich mich schon auf die neue Kolumne und weitere Beauty-Reportagen. Herzlichen Dank für das Interview, Martina! 

 

Foto: Martina Parker (Copyright: Lydia Stöckl für WIENERIN)

 

 

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