Welche Karrierechancen haben österreichische PR-Frauen? – PR-Interview mit Lisa Rothen

Zwei von drei österreichischen PR-Praktikerinnen sind weiblich, auf Führungsebene ist jedoch nur eine von fünf Führungskräften eine Frau. Mag. Lisa Rothen, PR-Consultant bei der Wiener PR-Agentur Himmelhoch, wollte genauer wissen, wie sich der Aufstieg von Frauen in der PR in Österreich gestaltet. Ihre Diplomarbeit mit dem Titel “Die Aufstiegschancen von Frauen im Berufsfeld Public Relations in Österreich”, wurde vor kurzem vom PRVA (Public Relations Verband Austria) mit dem ersten Platz des Franz-Bogner-Wissenschaftspreises 2017 in der Kategorie Magister-/Masterarbeiten an Universitäten ausgezeichnet. Ich wollte es auch genauer wissen und denke, dass die Resultate dieser Arbeit für viele von euch auch interessant sind, daher habe ich Lisa zum PR-Interview gebeten.

Interview mit Lisa Rothen
Lisa Rothen, Himmelhoch

Liebe Lisa, zunächst herzlichen Glückwunsch zum Wissenschaftspreis! Wie gestaltet sich denn nun der Aufstieg der österreichischen PR Frauen? Was sind deine wichtigsten Erkenntnisse?

Im Rahmen meiner Diplomarbeit habe ich 14 PR-Praktikerinnen interviewt, die mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Branche haben. Darunter waren rund 50 Prozent Frauen mit und 50 Prozent ohne leitende Funktion. Der Schluss, den man aus den Interviews ziehen kann, ist, dass obwohl die PR mehrheitlich Frauen beschäftigen, Themen wie die Gläserne Decke und geschlechtsspezifische Diskriminierung trotzdem in der Praxis eine Rolle spielen und vorkommen. Die beruflichen Aufstiegschancen von Frauen in den PR sind von zahlreichen Faktoren, wie etwa Selbstpräsentation, Netzwerk oder Unternehmenskultur, abhängig. Dabei manifestieren sich die Herausforderungen und Möglichkeiten auf den verschiedensten Ebenen. Um die Aufstiegsmöglichkeiten zu verbessern, sind daher sowohl PR-PraktikerInnen und Unternehmen als auch Verbände und Interessensvertretungen gefragt.

 

PR gilt ja als Frauendomäne. Wie hoch ist denn der Frauenanteil in der PR in Österreich und wie sieht es in Spitzenpositionen aus?

Ja, man kann auf jeden Fall sagen, dass die PR eine Frauendomäne bzw. feminisiert ist. Bereits 2000 wurde ein Frauenanteil von mehr als 50 Prozent ermittelt. 64 Prozent aller PR-PraktikerInnen sind demzufolge weiblich (vgl. Zowack 2000). Seitdem wurde allerdings keine umfassende Berufsfeldstudie durchgeführt. Im Rahmen meiner Arbeit habe ich den Geschlechteranteil bei PressespecherInnen in den Top-500 Unternehmen sowie bei GeschäftsführerInnen der größten PR-Agenturen Österreichs ermittelt. Ergebnis: Mit 56 Prozent Pressesprecherinnen und 26 Prozent Geschäftsführerinnen sind die Spitzenpositionen in der PR im Vergleich zum Frauenanteil verhältnismäßig gering besetzt.

 

Spielt die gläserne Decke in unserer Branche eine Rolle? Welche Probleme hast du identifizieren können?

Um das mit Sicherheit sagen zu können, bräuchte es sicherlich eine umfassendere Untersuchung. Die Berichte der Interviewpartnerinnen und die Zählung der PR-Spitzenpositionen deuten aber darauf hin, dass auch die PR mit dem Phänomen der Gläsernen Decke konfrontiert ist. Neben den bereits erwähnten Ergebnissen der Zählung haben zudem alle 14 Frauen, die ich interviewt habe – sei es mit oder ohne Führungsaufgaben – bereits diskriminierende Erfahrungen erlebt. Von deutlich geringerem Gehalt über verminderte Positionen nach der Karenz bis hin zu der „Kinder-Frage“ bei Vorstellungsgesprächen. Ich finde das schon sehr bedenklich.

 

Hast du einen Unterschied beim Aufstieg von Frauen in PR-Agenturen und in Unternehmenspressestellen feststellen können?

Da ich „nur“ Frauen aus Organisationen interviewt habe, ist das schwer zu sagen. Fest steht jedoch, dass der Frauenanteil in den Top-PR-Agenturen Österreichs eher schwach ist: 63 Prozent der Geschäftsführenden sind männlich, 26 Prozent weiblich.

 

Müssen PR-Frauen insgesamt mehr leisten als PR-Männer oder ist das nur ein Klischee?

In diesem Punkt waren sich die Interviewpartnerinnen nicht einig. Die einen argumentierten, dass Frauen mehr leisten müssen, um die gleichen Chancen zu haben. Andere wiederum meinten, dass die PR eine vergleichsweise „frauenfreundliche“ Branche ist, wo Frauen nicht mehr arbeiten müssten. Überdurchschnittliche Leistung und Einsatz wurden allerdings definitiv als förderlicher Faktor sowie zentrales Element für den beruflichen Aufstieg angesehen.

 

Wie sieht es mit Konkurrenz unter Frauen aus? Fördern Frauen ihre Mitarbeiterinnen gleich wie ihre Mitarbeiter oder gibt es da Unterschiede?

Aus Sicht der interviewten PR-Expertinnen unterstützen sich Frauen in der Praxis noch viel zu wenig. Eine Dame meinte hier, dass wir uns in dieser Hinsicht noch viel von Männern abschauen könnten. Dass weibliche Führungskräfte männliche Mitarbeiter bevorzugt behandeln würden, haben sie aber nicht berichtet.

 

Welche Faktoren können zum Aufstieg von Frauen in der PR beitragen?

Zusammengefasst hat sich gezeigt, dass berufliche Erfahrung, selbstbewusstes und proaktives Verhalten, Durchsetzungsvermögen, Engagement, ein gutes berufliches und privates Netzwerk sowie ein Studium (interessanterweise egal welche Richtung) den Aufstieg von PR-Frauen fördern. Außerdem sind die Unterstützung von MentorInnen, die Unternehmenskultur und das Angebot an flexiblen Arbeitsmodellen in einem Unternehmen (z.B. Jobsharing auch bei Führungspositionen) wichtige Faktoren. Auf gesellschaftlicher Ebene würde die verstärkte Thematisierung der Gläsernen Decke, die Einstellung gegenüber Müttern (man traut ihnen anscheinend weniger zu), die Quotenregelung sowie die gendersensible Sprache verhelfen.

Mir persönlich ist die Thematisierung ein wichtiges Anliegen. Mir wurde von klein auf suggeriert, dass die beruflichen Möglichkeiten von Frauen und Männern gleich sind. Das führt jedoch zu einer sehr unkritischen Haltung. Am ersten Blick scheint das auch so, aber bei genauerer Betrachtung bemerkt man doch einige Unterschiede. Ich wünsche mir daher, dass wir mit offenen Augen durch den Berufsalltag gehen und uns für gleiche Aufstiegschancen einsetzen.

 

Und welche Faktoren wirken sich negativ aus?

Auf der persönlichen Ebene wirken sich Bescheidenheit und 9-to-5-Denken und natürlich das Thema Familiengründung eher hemmend aus. Dazu verlangt nach Aussagen der InterviewpartnerInnen eine Branche mit höherem Männeranteil nach mehr Durchsetzungsvermögen. Außerdem hemmen Geschlechter- und Rollenklischees den Aufstieg. Frauen, besonders Müttern, wird oftmals weniger zugetraut. Das bedingt, dass sie manche Positionen gar nicht angeboten bekommen.

 

Man hat ja den Eindruck, dass PR-Frauen mit Kindern vor besondere Schwierigkeiten gestellt sind. Auch ich hab diese Erfahrung gemacht. Was hast du dazu herausgefunden?

Ja, Familienplanung und -gründung sind auch heute noch Dreh- und Angelpunkt von ungleichen, beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten. Beginnend vom „Kinderalter“ über den Wiedereinstieg – viele Frauen haben diskriminierende Erfahrungen gemacht. Es herrscht offensichtlich wenig Verständnis für PR-Mütter und dazu traut man ihnen weniger zu. Nur wenige der interviewten PR-Expertinnen mit Führungsfunktion, hatten Kinder. Eine Interviewpartnerin wurde aufgrund ihrer Mutterschaft von einer Position ausgeschlossen, obwohl sie die gleiche Qualifikation wie die anderen Bewerber hatte. Eine andere hat erzählt, dass die Kollegen sie gemobbt haben, da sie nicht mehr im Büro rauchen durften. Wieder eine andere wurde nach ihrer Karenz in einer vermeintlich schlechteren Position eingesetzt.

 

Abschließend: Welche Tipps und Lösungsansätze kannst du uns aufgrund deiner Erkenntnisse mitgeben? Was können wir PR-Frauen besser machen, wenn wir Karriere machen wollen?

Frauen, die in der PR Karriere machen wollen, sollten sich einen Karriereplan, Ziele und berufliche Meilensteine überlegen. Wo wollen sie hin? Und wann? Danach gilt es, die Unternehmen sowie Positionen bewusst auszuwählen und – wenn möglich – vorher auf ihren Frauenanteil nach „oben“ zu prüfen. Dabei empfiehlt es sich, sich überdurchschnittlich zu engagieren und seine Leistung proaktiv zu demonstrieren. Nicht nur Arbeitsbiene spielen, sondern für seine Leistungen einstehen und den Führungskräften zeigen, dass man aufsteigen möchte. Mut haben und selbstbewusst sein. Gleichzeitig würde ich an einem breiten Netzwerk an Kontakten natürlich auch mit JournalistInnen, aber auch mit Personen aus allen Branchen arbeiten sowie mich stets beruflich weiterbilden.

 

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Lisa, und für die wertvollen Erkenntnisse, die du mit uns geteilt hast! 

 

Franz-Bogner-Wissenschaftspreises für Public Relations

Der Franz-Bogner-Wissenschaftspreis wurde am 23. Mai 2017 bereits zum 25. Mal vom Wissenschaftlichen Senat des PRVA verliehen. Sieben junge Kolleginnen wurden mit dem Preis ausgezeichnet und nur zwei Männer, by the way. 🙂  Zusammen durften sie sich über ein Preisgeld von insgesamt 9.200 Euro freuen. Ich möchte an dieser Stelle allen Preisträgerinnen und Preisträgern herzlich gratulieren!

Auf der Website des PRVA findet ihr alle Preisträgerinnen des Franz-Bogner-Wissenschaftspreises. Lauter spannende Themen, von CEO Reputation Management über Unternehmensjournalismus bis hin zu Litigation PR. Ich würde am liebsten alle interviewen, aber das schaffe ich nicht. Falls euch aber ein Thema davon besonders interessiert, lasst es mich doch in den Kommentaren wissen, dann bemühe ich mich um ein Interview!

 

Übrigens: Für den Wissenschaftspreis 2018 kann bereits eingereicht werden!

Alle Details findet ihr hier: Franz-Bogner-Wissenschaftspreis

 

Foto: Lisa Rothen, Copyright: Himmelhoch

Karrierechancen von Frauen in der PR

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